Warum Gewitter Braunfäule bei Tomaten begünstigen
Feuchtigkeit und Wärme als Nährboden für Phytophthora infestans
Hinter der Braunfäule – fachlich Kraut- und Braunfäule genannt – steckt der Erreger Phytophthora infestans, ein Algenpilz, der feuchte Wärme regelrecht liebt. Temperaturen zwischen 15 und 25 °C kombiniert mit hoher Luftfeuchtigkeit sind ideale Bedingungen für seine Ausbreitung. Genau dieses Klima entsteht nach einem Sommergewitter im Juli: Die Luft ist warm, die Blätter nass, und der Abend bleibt schwül. Unter diesen Umständen können sich Pilzsporen innerhalb weniger Stunden auf der Pflanze festsetzen.
Das Julius Kühn-Institut, das in Deutschland für Pflanzenschutzforschung zuständig ist, weist darauf hin, dass Phytophthora infestans bei anhaltender Blattnässe von mehr als acht Stunden besonders aggressiv infiziert. Nach einem kräftigen Warmregen ist diese Schwelle schnell erreicht – vor allem wenn die Pflanzen dicht stehen und schlecht belüftet sind.
Wie Regentropfen Pilzsporen vom Boden auf die Pflanze schleudern
Ein oft unterschätzter Mechanismus: Prasselnde Regentropfen schleudern Pilzsporen, die im Boden oder in Mulchresten überwintert haben, mit hoher Wucht auf die unteren Blätter. Diesen Vorgang nennt man Sporenrücksplitzer. Von den unteren Blättern aus arbeitet sich die Pilzkrankheit rasch nach oben. Je tiefer die Blätter zum Boden hängen, desto größer das Risiko – weshalb der erste Schutzhandgriff genau dort ansetzt.
Braunfäule erkennen: So sieht der Befall aus
Typische Symptome an Blättern, Stängeln und Früchten
Das Schadbild der Braunfäule ist charakteristisch, wenn man einmal weiß, worauf man achten muss. An den Blättern zeigen sich zunächst unscharf begrenzte, öliger Rand aufweisende, dunkelgrüne bis braune Flecken – oft zuerst an den Blattspitzen. Bei feuchter Witterung bildet sich auf der Blattunterseite ein weißlicher Schimmelrasen, der auf aktiven Sporenbefall hinweist. Die Flecken wachsen rasch zusammen, das Blatt stirbt ab und hängt schwarz verfärbt an der Pflanze.
An Stängeln entsteht eine sogenannte Stängelfäule: braune, eingesunkene Stellen, die die Pflanze bei starkem Befall ganz umfassen können. An den Früchten zeigen sich zunächst braungraue, leicht eingesunkene Flecken, die sich schnell ausdehnen. Das Fruchtfleisch darunter ist matschig und riecht unangenehm.
Braunfäule vs. andere Tomatenkrankheiten unterscheiden
Verwechslungsgefahr besteht vor allem mit der Blütenendfäule, die jedoch durch Calciummangel – nicht durch einen Pilz – verursacht wird. Blütenendfäule zeigt sich ausschließlich am unteren Ende der Frucht als lederartiger, eingesunkener schwarzbrauner Fleck, ohne Schimmelbelag und ohne die typischen Blattsymptome der Braunfäule. Auch Sonnenbrand hinterlässt helle, papierartige Stellen an der Frucht, nie aber den weißlichen Sporenrasen auf der Blattunterseite. Wenn Sie unsicher sind: Feuchte Witterung und schnelle Ausbreitung von unten nach oben sprechen klar für Phytophthora.
Der entscheidende Handgriff nach dem Gewitter
Das Gewitter ist vorbei, der Boden dampft – jetzt zählt jede Stunde. Die folgende Abfolge sollten Sie innerhalb von 24 Stunden nach dem Regen abarbeiten.
Untere Blätter sofort entfernen: Warum und wie
Entfernen Sie alle Blätter, die tiefer als 30–40 cm über dem Boden hängen. Diese sind am stärksten dem Sporenrücksplitzer ausgesetzt und dienen als Eintrittspforte. Schneiden Sie die Blätter mit einem scharfen, sauberen Schnittwerkzeug ab – Schnittwerkzeug desinfizieren ist dabei Pflicht: Wischen Sie die Klinge zwischen jeder Pflanze mit Isopropylalkohol oder einer Alkoholspray-Lösung ab, damit Sie keine Sporen von Pflanze zu Pflanze verschleppen. Entsorgen Sie die abgeschnittenen Blätter im Hausmüll, nicht im Kompost.
Nutzen Sie den Moment auch zum Geizen: Seitentriebe, die zwischen Haupttrieb und Blattachsel wachsen, verdichten das Laub und bremsen die Luftzirkulation. Wer sie konsequent entfernt, sorgt dafür, dass Blätter und Stängel nach dem nächsten Regen schneller abtrocknen.
Mulchschicht erneuern, um Sporenrücksplitzer zu stoppen
Eine frische Mulchschicht aus Stroh, Rindenmulch oder Rasenschnitt (gut abgetrocknet) rund um die Tomatenpflanzen wirkt wie ein Puffer: Sie dämpft den Aufprall der Regentropfen und verhindert, dass Erdpartikel mit anhaftenden Sporen nach oben geschleudert werden. Entfernen Sie nach dem Gewitter die durchnässte alte Schicht und ersetzen Sie sie durch frisches Material – etwa 5 bis 8 cm hoch. Achten Sie darauf, dass der Mulch nicht direkt am Stängel anliegt, da er sonst selbst Feuchtigkeit hält.
Pflanzen richtig trockenschütteln und abstützen
Schütteln Sie die Pflanzen nach dem Regen vorsichtig, um stehendes Wasser aus den Blattachseln zu befördern. Überprüfen Sie gleichzeitig die Aufbindung: Schwere, nasse Pflanzen neigen dazu, in sich zusammenzusacken, was die Belüftung weiter verschlechtert. Aufbinden an Stäben oder einem Spalier hält die Triebe aufrecht und sorgt dafür, dass Luft zwischen den Blättern zirkulieren kann.
Weitere Vorbeugungsmaßnahmen für Juli und August
Von unten gießen – nie über die Blätter
Die Bewässerung am Boden – direkt an der Wurzel, per Schlauch oder Tröpfchenbewässerung – ist eine der wirksamsten Vorsorgemaßnahmen überhaupt. Nasse Blätter trocknen im Hochsommer zwar schnell, doch jedes Mal, wenn Wasser auf das Laub gelangt, verlängert sich die Blattnässe und damit das Infektionsrisiko. Gießen Sie morgens, damit eventuelle Spritzer am Tag abtrocknen, und vermeiden Sie Staunässe im Wurzelbereich.
Regenschutz und Tomatenhaus als einfache Lösung
Ein Tomatendach oder ein einfacher Folienschutz über dem Beet ist die nachhaltigste Einzelmaßnahme gegen Braunfäule: Regen erreicht die Blätter schlicht nicht. Selbst eine einfache Konstruktion aus Latten und Folienplane reicht aus. Wichtig ist, dass die Seiten offen bleiben, damit Luft zirkulieren kann und sich keine Feuchtigkeitsglocke bildet. Gartenfachportale wie MDR Garten empfehlen das Tomatendach als erste Investition für alle, die jedes Jahr mit Braunfäule kämpfen.
Resistente Tomatensorten als Langzeitstrategie
Wer langfristig weniger Aufwand möchte, setzt auf resistente Sorten. Sorten wie Fantasio, Philovita oder Primavera sind speziell für erhöhte Toleranz gegenüber Phytophthora infestans gezüchtet. Vollständige Immunität bieten sie nicht, aber sie geben Ihnen deutlich mehr Zeit zum Reagieren, bevor der Befall ernsthaft wird. Die Sortenwahl ist auch eine Frage des Standorts: An feuchten, halbschattigen Stellen ohne Dachüberstand sollten resistente Typen erste Wahl sein.
Biologische Hausmittel und Pflanzenstärkungsmittel
Ackerschachtelhalm-Sud: Anwendung und Wirkung
Die Schachtelhalmbrühe aus Equisetum arvense gilt im biologischen Gartenbau als klassisches Pflanzenstärkungsmittel. Die enthaltene Kieselsäure soll die Zellwände der Pflanzen festigen und sie widerstandsfähiger gegen Pilzinfektionen machen. Kochen Sie 100 g frischen oder 15 g getrockneten Ackerschachtelhalm in einem Liter Wasser für 30 Minuten, verdünnen Sie den erkalteten Sud 1:5 mit Wasser und sprühen Sie ihn alle 7–10 Tage auf Blätter und Stängel – vorbeugend, nicht nach eingetretenem Befall. Wichtig: Schachtelhalmbrühe stärkt die Pflanze, tötet Phytophthora aber nicht ab.
Backpulver-Lösung: Was wirklich dahintersteckt
Backpulver (Natriumbicarbonat) wird in Hobbygarten-Foren oft als Mittel gegen Pilzkrankheiten gehandelt. Es verändert den pH-Wert auf der Blattoberfläche und kann das Wachstum mancher Pilze hemmen – bei echtem Mehltau gibt es dafür tatsächlich Hinweise. Gegen Phytophthora infestans ist die Wirksamkeit jedoch nicht belegt. Backpulver Tomaten: Es schadet nicht, ersetzt aber kein wirksames Pflanzenstärkungsmittel und schon gar kein Fungizid. Wer es versucht, sollte eine Teelöffel-Lösung in einem Liter Wasser verwenden und die Pflanzen morgens behandeln.
Wann Kupferpräparate sinnvoll sind
Kupferhaltige Pflanzenstärkungsmittel und zugelassene Fungizide (z. B. Kupferhydroxid) sind die wirksamste biologisch akzeptierte Option gegen Braunfäule. Sie wirken vorbeugend, indem sie die Sporenkeimung hemmen. Allerdings ist Kupfer ein Schwermetall: Es reichert sich im Boden an und schadet Bodenlebewesen. Der NABU und Bioland-Anbauverbände raten daher zu äußerster Zurückhaltung im Hausgarten und empfehlen, die auf der Packung angegebene Maximaldosis niemals zu überschreiten. Im EU-Recht ist der Einsatz von Kupfer im ökologischen Landbau auf 6 kg pro Hektar und Jahr begrenzt. Für Hobbygärtner gilt: Kupferpräparat nur einsetzen, wenn Befall eingetreten ist und alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft sind – und stets nach Herstellerangaben.
Kann man Tomaten mit Braunfäule noch essen?
Welche Früchte sich noch verwerten lassen
Befallene Tomaten sind nicht giftig, aber die betroffenen Stellen sollten großzügig herausgeschnitten werden. Früchte, bei denen mehr als ein Drittel des Fruchtfleischs braun und matschig ist, sollten Sie entsorgen. Tomaten mit nur kleinen, oberflächlichen Flecken und ansonsten festem, gesundem Fruchtfleisch sind an den unversehrten Stellen essbar. Verarbeiten Sie solche Tomaten rasch – zum Einkochen, als Soße oder Suppe – denn sie werden nicht besser. Legen Sie sie nie in die Nähe gesunder Früchte, da sich Sporen weiter verbreiten können.
Grüne Tomaten nachreifen lassen – so geht’s
Wenn Braunfäule im Juli stark um sich greift, kann es sinnvoll sein, noch grüne, aber voll ausgewachsene Früchte vorab zu ernten, bevor sie infiziert werden. Legen Sie die grünen Tomaten einzeln – nicht übereinander – in eine Kiste oder auf ein Tablett an einem warmen, dunklen Ort (ca. 18–20 °C). Neben einem Apfel lagern beschleunigt das Nachreifen dank des abgegebenen Ethylengases. Innerhalb von ein bis zwei Wochen reifen die meisten Früchte nach und lassen sich wie geerntete Tomaten verwerten. So lässt sich die Ernte retten, auch wenn die Pflanze selbst nicht mehr zu halten ist.



