Warum sich der Sommerschnitt ideal zur Vermehrung eignet
Der Blütenrückschnitt nach der ersten Lavendelblüte gehört zu den wichtigsten Pflegearbeiten im Gartensommer. Was dabei anfällt – die abgeschnittenen, halbverholzten Triebe – ist gleichzeitig das beste Vermehrungsmaterial des Jahres. Wer verblühte Triebe einfach auf den Kompost wirft, verschenkt die Möglichkeit, seinen Lavendelbestand kostenlos zu erweitern.
Der Doppelnutzen liegt in der Biologie der Pflanze: Zum Zeitpunkt des Sommerschnitts sind die Triebe weder zu weich (wie im Frühjahr) noch zu verholzt (wie im Herbst). Genau diese mittlere Reife macht sie zu idealen Stecklingen. Mit etwas Sorgfalt beim Vorbereiten und einem geeigneten Substrat lassen sich aus einem einzigen Lavendelstrauch viele neue Pflanzen ziehen – ganz ohne Kosten und ohne Spezialkenntnisse.
Den richtigen Zeitpunkt für Lavendel-Stecklinge wählen
Wann ist der Sommerschnitt fällig?
Das optimale Zeitfenster für den Sommerschnitt – und damit für die Stecklingsgewinnung – liegt zwischen Anfang Juli und Mitte August. Sobald die erste Blütenähren verblüht sind und die Hüllblätter braun werden, ist der richtige Moment gekommen. Wer zu lange wartet, riskiert, dass die Triebe stärker verholzen und schlechter Wurzeln bilden.
Für Lavandula angustifolia (Echter Lavendel) gilt dieses Fenster zuverlässig. Bei Lavandin-Hybriden (z. B. Lavandula × intermedia) sollte man beachten, dass viele Sorten steril sind – Stecklinge dieser Hybriden bewurzeln sich zwar prinzipiell, bringen aber häufig weniger vitale Jungpflanzen hervor. Für die Vermehrung eignen sich reinrassige Lavandula angustifolia-Sorten am zuverlässigsten.
Welche Triebe eignen sich als Stecklinge?
Nicht jeder Trieb, der beim Rückschnitt anfällt, taugt gleich gut. Gesucht werden halbverholzte Triebspitzen ohne Blütenknospen oder verblühte Ähren. Die Basis des Triebs sollte leicht bräunlich und fest sein, die Spitze noch grün und biegsam. Solche Triebe finden sich vor allem im äußeren, gut belichteten Bereich des Strauchs.
Ideal sind Stücke von 10–15 cm Länge. Kürzere Abschnitte haben oft zu wenig Energie, um zuverlässig Wurzeln zu bilden; längere brauchen unverhältnismäßig viel Wasser und fallen eher welk.
Stecklinge vorbereiten: Schritt für Schritt
Schnitt und Länge der Stecklinge
Den Steckling direkt am Mutterstrauch mit einem sauberen, scharfen Messer oder einer desinfizierten Schere abschneiden. Steriles Werkzeug ist wichtig: Übertragungen von Pilzkrankheiten durch verunreinigte Schneidwerkzeuge sind eine der häufigsten Ursachen für faule Stecklinge. Ein kurzes Abwischen der Klinge mit Isopropylalkohol reicht aus.
Der Schnitt erfolgt schräg, etwa 3–5 mm unterhalb eines Blattknotens. Der schräge Schnitt vergrößert die Schnittfläche und verbessert die Wasseraufnahme in den ersten Tagen.
Blätter entfernen und Schnittfläche vorbereiten
Im unteren Drittel des Stecklings – also auf den unteren 3–5 cm – werden alle Blätter sorgfältig abgezupft oder abgeschnitten. Dieser Teil steckt später im Substrat; verbleiben hier Blätter, faulen sie und gefährden den gesamten Steckling. Das obere Laub bleibt vollständig erhalten, da es Photosynthese betreibt und den Steckling mit Energie versorgt.
Die freigelegte Schnittfläche sollte glatt und nicht gequetscht sein. Falls die Schnittfläche kurz angetrocknet ist, frisch anschneiden.
Bewurzelungshormon: ja oder nein?
Bewurzelungshormon (Auxin-Pulver oder -Gel) beschleunigt die Wurzelbildung und kann die Erfolgsquote leicht erhöhen – es ist aber kein Muss. Lavendel gehört zu den Pflanzen, die auch ohne zusätzliche Hilfsmittel gut bewurzeln, wenn der Steckling gesund ist und die Umgebungsbedingungen stimmen. Wer das Mittel zur Hand hat, kann das untere Ende des Stecklings kurz eintauchen oder einpudern; wer darauf verzichtet, wird trotzdem in vielen Fällen Erfolg haben.
Einpflanzen: Erde vs. Wasser – was funktioniert besser?
Stecklinge direkt in Erde einpflanzen
Die Methode mit Erde gilt als die zuverlässigere der beiden Optionen und wird unter anderem vom NDR Ratgeber Garten empfohlen. Als Substrat eignet sich eine Mischung aus Anzuchterde und grobem Sand im Verhältnis 1:1. Lavendel hasst Staunässe – deshalb ist eine gute Drainage (Tongranulat oder Kies als Schicht am Topfboden) unverzichtbar.
Vorgehensweise:
- Kleinen Topf (ca. 9 cm Durchmesser) mit sandiger Erde befüllen und gut andrücken.
- Ein Pflanzloch mit einem Bleistift oder Stab stechen, damit die Bewurzelungsfläche beim Einsetzen nicht abgerieben wird.
- Steckling einsetzen, Erde rundherum andrücken.
- Mäßig angießen – die Erde soll feucht, aber nicht nass sein.
- Topf mit einer transparenten Folie oder einem aufgeschnittenen PET-Flaschenboden abdecken (Mini-Gewächshaus), täglich kurz lüften.
Das Mini-Gewächshaus hält die Luftfeuchtigkeit hoch und reduziert den Wasserstress des noch wurzellosen Stecklings spürbar.
Stecklinge zuerst in Wasser bewurzeln lassen
Stecklinge in ein Glas Wasser zu stellen ist verlockend einfach, birgt aber Risiken: Lavendel reagiert empfindlich auf dauerhaft feuchte Bedingungen, und im Wasser gebildete Wurzeln sind oft wassergängige Wurzeln, die sich nach dem Umtopfen in Erde erst neu anpassen müssen. Das Ergebnis ist häufig ein kurzzeitiger Wachstumsstopp oder erhöhte Ausfälle nach dem Umtopfen.
Empfehlung: Wer die Wahl hat, greift zur Erdmethode. Die Wassermethode kann als schnelles Experiment funktionieren, ist aber für Lavendel keine optimale Lösung. Mein schöner Garten bestätigt, dass die direkte Bewurzelung im durchlässigen Substrat der Standardweg für mediterrane Kräuter ist.
Stecklinge richtig pflegen bis zur Bewurzelung
Standort, Licht und Temperatur
Der Steckling braucht einen hellen Standort ohne direkte Mittagssonne. Ein Platz am Ostfenster oder im lichten Halbschatten draußen (nach einer kurzen Eingewöhnungszeit) ist ideal. Temperaturen zwischen 18 und 22 °C fördern die Wurzelbildung; zu hohe Wärme in Kombination mit direkter Sonne lässt die Stecklinge schnell welken.
Gießen: wann und wie viel?
Die häufigste Fehlerquelle ist zu viel Gießen. Das Substrat sollte zwischen den Wassergaben leicht antrocknen – niemals dauerhaft nass bleiben. Als Faustregel gilt: Wenn die oberste Schicht (ca. 1 cm) trocken anfühlt, mäßig nachgießen. Gießwasser direkt am Topfrand zuführen, nicht über die Blätter.
Wann ist der Steckling bewurzelt?
Nach 4–6 Wochen sind die ersten Wurzeln in der Regel ausgebildet. Ein einfacher Test: Den Steckling leicht am Stiel ziehen. Gibt er leichten Widerstand, hat er angewurzelt. Ein weiteres Zeichen ist frischer Neutrieb an der Spitze. Jetzt kann die Folie dauerhaft entfernt und der Steckling behutsam in einen größeren Topf umgepflanzt werden.
Häufige Fehler vermeiden – und was zu tun ist
Selbst mit guten Stecklingen kann es schieflaufen. Die häufigsten Probleme und ihre Ursachen:
- Zu viel gießen: Der Klassiker. Dauernasse Erde führt zu Fäule an der Stecklingsbasis. Lösung: Substrat trocknungsfreundlicher mischen (mehr Sand), Drainage prüfen.
- Verholzte Triebe als Stecklinge verwenden: Rein verholztes Material aus dem Inneren des Strauchs bildet kaum Wurzeln. Immer halbverholzte Triebspitzen aus dem Außenbereich nehmen.
- Falsche Jahreszeit: Wer erst im September oder Oktober schneidet, hat zu verholztes Material. Das optimale Fenster endet Mitte August.
- Rückschnitt ins alte Holz am Mutterstrauch: Betrifft die Mutterpflanze: Wer zu tief in verholzte Bereiche schneidet, riskiert, dass der Strauch nicht mehr austreibt. Lavendel treibt aus altem Holz kaum oder gar nicht neu aus – immer grünen Anteil stehen lassen.
- Verschmutztes Werkzeug: Übertragung von Pilzsporen oder Bakterien auf die frische Schnittfläche. Klinge vor jedem Gebrauch reinigen.
Häufige Fragen (FAQ)
Kann man abgeschnittenen Lavendel einpflanzen?
Ja – sofern der abgeschnittene Trieb halbverholzt und mindestens 10 cm lang ist. Das untere Drittel von Blättern befreien, schräg anschneiden und in durchlässiges Substrat stecken. Innerhalb von 4–6 Wochen bilden sich bei guten Bedingungen die ersten Wurzeln.
Wann kann man Ableger von Lavendel machen?
Das beste Zeitfenster für Lavendel-Stecklinge liegt zwischen Juli und Mitte August, direkt nach dem Sommerschnitt. Zu diesem Zeitpunkt sind die Triebe halbverholzt – weder zu weich noch zu hart –, was die Wurzelbildung begünstigt. Stecklinge im Frühjahr aus weichen Trieben sind ebenfalls möglich, aber anfälliger für Fäule.
Ist Erde oder Wasser besser zur Bewurzelung?
Für Lavendel ist die direkte Bewurzelung in durchlässiger Erde (Anzuchterde mit Sand) die bessere Methode. Wasserbewurzelung funktioniert zwar prinzipiell, führt aber häufiger zu Ausfällen beim Umtopfen, weil sich die Wasserroots schlecht an das Erdsubstrat anpassen.
Kann Lavendel nach dem Rückschnitt neu austreiben?
Ja – wenn beim Rückschnitt ausreichend grünes Blattwerk stehen bleibt. Lavendel treibt aus dem grünen, noch nicht vollständig verholzten Bereich zuverlässig neu aus. Wer jedoch zu tief ins alte, braune Holz schneidet, riskiert, dass der Strauch diese Stellen nicht mehr regeneriert. Die Faustregel: nie mehr als ein Drittel der grünen Triebmasse auf einmal entfernen – das bestätigt auch Mein schöner Garten in seinen Schnittempfehlungen für Lavendel.



